Forschung & Vermittlung

 

 

  

Udo Tworuschka, von 1993 bis 2011 Inhaber des Lehrstuhls für Religionswissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, gehört zu den Gründern einer inter- bzw. transdisziplinären „Praktischen Religionswissenschaft“. In dieser ‚Verbundwissenschaft‘ werden die konkreten Religionen methodisch und inhaltlich im Plural reflektiert, wird über normative Aussagen (in Heiligen Schriften, ethischen Werten und Normen) hinaus die ‚gelebte Religion‘ (ihre Determinanten, Wirklichkeiten, Wirkungen, Wahrnehmungen) hervorgekehrt. Die daraufhin differenzierte und kritische Erhellung des reichen Potentials von Spiritualität, von Sinnstiftungen für die Lebens- und Weltgestaltung soll reflexive Selbstvergewisserung sowie Bemühungen um humanitäre Bildung, um sozialverträgliche Kommunikationsformen unterstützen. 

Die seiner Ansicht nach zum großen Teil berechtigte Kritik an der (klassischen) Religionsphänomenologie aufnehmend, entwickelte er – zunächst vor Kölner religionspädagogischem, Hintergrund – neue Perspektiven. Engagierte Weltzugewandtheit durch eine von ihm selbst theoretisch, methodisch und inhaltlich erweiterte Religionswissenschaft wurde zum kräftig rotierenden Motor seiner wissenschaftlichen Laufbahn. Ein Ergebnis seiner protestantisch geprägten Arbeitsethik ist die auf Tworuschkas Jenaer Homepage veröffentliche Publikationsliste (http://www.uni-jena.de/Publikationen-page-3331.html).

Die „Praktische Religionswissenschaft“ hat Udo Tworuschka nicht nur als Theoretiker, vielmehr modellartig als Wissenschaftler, insbesondere auch als Analytiker und Praktiker der Massenmedien vorangetrieben. Hier kann nur verwiesen werden auf Spezialstudien, auf das Verfassen bzw. Herausgeben wissenschaftlich fundierter, verständlich geschriebener Überblicke über die Religionen (speziell ihre Ethik), auf das „Handbuch der Religionen. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland“ (1997ff.), dessen empirische Bestandsaufnahmen der Religionen und Religiosität von einem wachsenden Mitarbeiterstab ständig aktualisiert wird. Die fünfbändige „Ethik der Religionen. Leben und Lehre“ (1984–1986) war das erste deutschsprachige Werk zu dieser Thematik.

Seine schon 1982 erschienenen „Methodischen Zugänge zu den Weltreligionen“ – die erste deutschsprachige religionswissenschaftliche Methodik, insbesondere mit praktischer Ausrichtung – vertreten einen neuen Ansatz, der in den 1990er Jahren in das so genannte „Interreligiöse Lernen“ mündete. 2004 hat Tworuschka die nicht nur für Kinder durch Hören, Sehen, Verwerten aufschlussreiche CD-ROM weitgehend mit seiner Frau Monika Tworuschka geschrieben und herausgegeben, die hinführt zur imaginären Stadt „Religiopolis“, in der fünf Weltreligionen zu Hause sind. Diese neuartige Lernsoftware erhielt viele bedeutende Preise. Kein Zufall ist es, dass Tworuschka bei seinen Erweiterungen und Vertiefungen religionswissenschaftlicher Forschungs- und Handlungsfelder die Konzentration auf die Religionsästhetik, die gesamten sinnlichen und spürbaren Dimensionen unterstützt, in jüngster Zeit durch sein starkes Plädoyer für einen „auditive turn“: Konzentration insbesondere auf die in der Religionswissenschaft fast völlig unberücksichtigten hörbaren Ausdrücke von Religion und Religionen.

In dem heftig entbrannten Diskurs der Religionswissenschaft zwischen Religionsphänomenologie und kulturwissenschaftlicher Neuorientierung (ohne Suche nach transzendentaler Wahrheit) bezieht Tworuschka eine eigenständige Position: die interdisziplinäre und konstruktivistische Perspektive betonend, die Religionsphänomenologie nicht einfach borniert verurteilend, vielmehr teils weiter-, teils mit Perspektiverweiterungen fortführend („kontextuelle Religionsphänomenologie“). Dazu gehören gezielte Rekurse auf fruchtbare Ansätze und Forschungsergebnisse der klassischen Vertreter der Religionsphänomenologie, vor allem auf seinen akademischen Lehrer Gustav Mensching (1901–1978), wiederzuentdecken als Pionier der „globalen Ethik“ sowie als einer der Vorväter der Praktischen Religionswissenschaft.

Dass sich so viele bedeutende Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Richtungen der Forschung und Vermittlung wie auch unterschiedlicher Religionen aus dem In- und Ausland an dieser Festschrift beteiligt haben, widerspiegelt zugleich Udo Tworuschkasnachhaltige inhaltliche und persönliche Wirkung auf seinem langen Weg zur Praktischen Religionswissenschaft. Nach seiner Promotion zum Dr. phil. hat Tworuschka Religionswissenschaft immer in theologischen Kontexten betrieben. Dies war für ihn stets eine Herausforderung: Chance zu Profilschärfungen einerseits und Brückenschlägen andererseits. Nicht zuletzt die Herausgabe dieser Festschrift durch einen philosophisch orientierten Sportwissenschaftler, Prof. Dr. Jürgen Court (Universität Erfurt) und einen Historiker, Prof. Dr. Michael Klöcker (Universität zu Köln), zeigt, wie sehr Tworuschka sich über seine Disziplin im engeren Sinne hinaus bewegt hat. 

 

Michael Klöcker