Abdoldjavad Falaturi (1926-1996)


 

  Abdoldjavad war ein bedeutender islamischer Gelehrter und einer der führenden Vermittler zwischen Islam und Abendland in diesem Jahrhundert. Der aus Isfahan/Iran stammende Wissenschaftler durchlief zwei verschiedenartige Studiengänge: Mehrere Jahre studierte er traditionell-islamisch an mehreren Medresen (von madrasa, arab. "theologische Hochschule") "islamische Wissenschaften". Er schloß sie in Maschad mit dem Idjtihad-Grad ab, der ihn zur Ausübung des islamischen Richteramts befähigte. Seine philosophischen und theologischen Studien beendete er mit der Lehrerlaubnis für verschiedene islamische Philosophierichtungen. Seit 1954 lebte Falaturi in Deutschland, wo er Philosophie, Vergleichende Religionswissenschaft und Psychologie studierte. 1962 promovierte er mit der Arbeit "Zur Interpretation der Kantischen Ethik im Lichte der Achtung" in Köln. Von 1974-1991 lehrte er als Islamwissenschaftler an derselben Universität. Als herausragender Kenner der schiitischen Geisteswissenschaften baute Falaturi

 

die Kölner Schia-Bibliothek zur weltweit renommierten Institution aus. Es war sein Ziel, die Streitigkeiten zwischen Sunniten und Schiiten beizulegen und die nach seiner Ansicht mehr als 80 Prozent ausmachenden Gemeinsamkeiten beider Richtungen wissenschaftlich zu dokumentieren. Falaturis Verdienste um den Gesamtislam kommen nicht zuletzt dadurch zum Ausdruck, das ihn die bedeutende sunnitische al-Azhar-Universität in Kairo zum Mitglied des "Obersten Rates für die Angelegenheiten der Islamischen Welt" ernannte.

Als Kenner auch abendländisch-wissenschaftlicher Methoden förderte Falaturi durch seine rechts-, wirtschafts-, und politikwissenschaftlichen, philosophischen und religionsdialogischen Arbeiten das Gespräch des Islam mit der übrigen Welt, insbesondere durch die 1978 von ihm mitgegründete "Islamische Wissenschaftliche Akademie" in Köln. Um der Überforderung und Entfremdung der Muslime in den westlichen Ländern, zunächst vor allem in Deutschland, entgegenzuwirken und gegenseitige Vorurteile und Mißverständnisse abzubauen, wurde das Kölner Schulbuchanalyseprojekt gegründet, das seit 1981 alle in Deutschland zugelassenen Schulbücher aller Fächer auf ihr Islambild hin untersuchte. 1988 wurde das nationale Projekt zum internationalen Forschungsprojekt "Islam in Textbooks" erweitert. Falaturis wissenschaftliches Hauptziel bestand darin, den Islam in einer zeitgemäßen Form darzustellen und die Hindernisse, die seiner Zeitgemäßheit im Wege stehen, wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Lit.: Abdoldjavad Falaturi (Hg.): Der Islam in den Schulbüchern der Bundesrepublik Deutschland (6 Bde.), Braunschweig 1986-1990. ­ Ders./Udo Tworuschka: Islam im Unterricht, Braunschweig 19963. ­ Udo Tworuschka (Hg.): Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident. FS für Abdoljavad Falaturi, Köln 1991 (Bibliographie). ­ Ders.: Abdoljavad Falaturi (1926-1996). In: Dialog der Religionen 7 (1997), S.2-7.