Religionswissenschaft: Wegbereiter und Klassiker

Rezension


Udo Tworuschka,: Religionswissenschaft. Wegbereiter und Klassiker. UTB 3492.

Köln u.a.: Böhlau 2011, 379 S., Quellenverzeichnis, Personenregister, 21 Fotos --- ISBN: 978-3-8252-3492-8

 

Der bis vor kurzem an der Universität Jena lehrende Religionswissenschaftler Udo

Tworuschka gehört zu den Vordenkern und Wegbereitern einer „Praktischen Religionswissenschaft“, die es wagt aus der distanzierten Betrachtung der Religionen herauszutreten, ohne sich dabei in philosophisch-theologischsoziologische Abhängigkeiten zu begeben. Es geht neben der Religionsvermittlung um Religionskritik, multireligiöses Erfahrungslernen und um den interreligiösen Dialog. Da die Religionswissenschaft insgesamt noch ein relativ junges Fach an der Universität ist und teilweise immer noch als Teil einer Theologischen Fakultät angesehen wird (vgl. die religionswissenschaftlichen Abteilungen in den insgesamt 29 deutschsprachigen Universitäten) wird, ist es umso wichtiger hier klare Konturen zu zeichnen. Da kann ein Studienbuch für die Studierenden der Theologie, der

Religionswissenschaft und der Religionspädagogik nur sinnvoll sein, das den Weg dieser Disziplin an herausragenden Persönlichkeiten aufzeigt. Es hat 1997 bereits ein Buch über eine Auswahl von „Klassikern der Religionswissenschaft gegeben, das der Indologe Axel Michaels herausgab.

Tworuschkas Auswahl geht aber über die Beschreibung von Leben und Werk insofern hinaus, als jeweils beigefügte zentrale Texte die jeweilige religionswissenschaftliche Richtung der

Forscher mitbestimmt. So wird der/die Lesende nicht nur über diese „Promotoren“ informiert, sondern kann sich jeweils mit den Schwerpunktbildungen dieser Religionswissenschaftler auseinandersetzen. Dieses exemplarische Vorgehen ist sehr hilfreich und wird bereits mit der entsprechenden Sachüberschrift zu den „Wegbereitern und Klassikern“ signalisiert. Nicht immer haben einzelne im Buch vorgestellte Werke starke nachhaltige Bedeutung erlangt, aber sie geben zumindest einen zeittypischen Denkansatz wider. Da es „den“ Religionswissenschaftler nicht gibt, tauchen auch Forscher auf, die eher am Rande dieser Disziplin anzusiedeln sind. Schließlich möchte Tworuschka eine Neubewertung von Vertretern der klassischen Religionsphänomenologie vornehmen. Übrigens in beiden Büchern sind wegen der großen „Bandbreite“ der gegenwärtigen Forschung lebende Religionswissenschaftler (erst einmal) ausgeklammert.

Hält man die formale Beschränkung auf bestimmte Forscher in den Büchern von Tworuschka und Michaels gegeneinander, so zeigt gerade die Gegenüberstellung die extreme Schwierigkeit der Auswahl. Die Fülle herausragender Forscher (wo bleiben die Forscherinnen?), mahnt jedoch, dass die Religionswissenschaft vielmehr in den Blick von Studierenden aus diesem Umfeld genommen werden muss – und das heißt auch der Philosophie, Soziologie, Kulturwissenschaften, Ethnologie, Theologie und Religionspädagogik. Nicht nur der Vergleich bei den Überschneidungen der vorgestellten Forscher (fettgedruckt markiert) zeigt die Vielfalt und Vielzahl der Forscher selbst, ihr Umgang selbst mit dem Phänomen „Religion(en)“ und dem „Heiligen“ wird zur Herausforderung:

 

Udo Tworuschka (21 Autoren):

Friedrich Max Müller, William James, Edmund

Hardy, James George Frazer, Paul Drews, Nathan

Söderblom, Rudolf Otto, Raffael Pettazzoni, Walter

Baetke, Joachim Wach, Gerardus van der Leeuw,

Friedrich Heiler, Gustav Mensching, Ernst Benz,

Mircea Eliade, Ulrich Mann, Wilfred Cantwell Smith,

Kurt Goldammer, Clifford Geertz, Ninian Smart,

Hans-Joachim Klimkeit.

 

Axel Michaels (23 Autoren):

Friedrich Schleiermacher, Friedrich Max Müller, Edward

Burnett Tylor, William Robertson Smith, James George

Frazer, Sigmund Freud, Émile Durkheim, Max Weber, Aby

M. Warburg, Nathan Söderblom, Robert Ranulph Marett,

Wilhelm Schmidt, Rudolf Otto, Marcel Mauss, Arnold von

Gennep, C.G. Jung, B. K. Malinowski, Gerardus van der

Leeuw, Friedrich Heiler, Joachim Wach, Edward Evan

Evans-Pritchard, Victor Witter Turner, Mircea Eliade.

 

Das übersichtliche didaktisch geprägte Strukturmuster in Tworuschkas Arbeitsbuch ist für alle dargestellten Religionswissenschaftler gleich: Kurze Biografie, Inhaltsangabe eines der herausragenden Bücher, ausgewählter Quellentext, Fragen zum Text, abschließende (kritische) Würdigung, die für die eigene Orientierung besonders wichtig ist. Dem folgen weiterführende Arbeitsaufgaben und eine Auswahlbibliografie. Es sollen in dieser Rezension nicht die einzelnen religionswissenschaftlichen Konzepte nachgezeichnet werden, vielmehr sei die Intention von Udo Tworuschka an seinen Gedanken der Wechselseitigkeit und des interreligiösen Dialogs sowie des interreligiösen Lernens herausgehoben. Seine Zielorientierung hat auch unmittelbar mit der Wirkungsgeschichte des Weltparlaments der Religionen 1893/1993 in Chicago zu tun und gewinnt durch viele interreligiöse Bewegungen der Gegenwart weiteren Auftrieb: „Von bestimmten historischen Zeiten an ereigneten

sich Wechselbeziehungen zwischen den Religionen … Auf verschiedene Weise trägt die ‚Praktische Religionswissenschaft‘ dazu bei, das Verhältnis der Religionen zueinander zu analysieren, ggf. zu verbessern. Zum Beispiel in der von der Religionswissenschaft ausgeklammerten Schulbuchanalyse … Die Religionswissenschaft …kann Hilfestellungen für Dialoge auf unterschiedlichen Ebenen leisten, indem sie allen Beteiligten ein umfassendes, differenziertes Bild der Religionen zur Verfügung stellt“ (S. 17f). Als einführende Orientierung ist darum dieses Buch nicht nur für Studierende der jeweiligen Fächer geeignet,

sondern bringt kompaktes Wissen für alle, die an Religionen überhaupt und Religionsvergleichen interessiert sind und die Zusammenhänge von Analyse und Wertschätzung der (anderen) Religionen genauer bedenken wollen. Zugleich merken die Lesenden, wie unterschiedlich die einzelnen Religionswissenschaftler aus ihren

Schwerpunkt-Forschungen heraus mit den wesentlichen „heiligen“ Traditionen und Texten umgingen und zugleich aus religionsphänomenologischen Realität schöpften. Das ist für die heutige Begegnung der Religionen von unschätzbarem Vorteil, denn sie ermöglicht empathische und differenzierende Einschätzungen zugleich.

Reinhard Kirste