Udo Tworuschka

 

Mein Weg zur Praktischen Religionswissenschaft

 

Kindheit, Jugend, Schule

Dass ich einmal Religionswissenschaftler werden würde, ist mir ganz sicher nicht an der Wiege gesungen worden. Religion gehörte nicht zu den „großen Themen“ in meiner Familie. Aus Protest gegen die Bekenntnisschulen trat mein 1921 in Oberschlesien gebürtiger Vater 1958 vom römischen Katholizismus zum evangelischen Glauben über. 1952 zogen meine Eltern mit ihrem einzigen Sohn aus dem niedersächsischen Seesen am Harz nach Düren in das Rheinland. Aus beruflichen Gründen. Ich war damals drei Jahre alt. Inmitten einer dominant rheinisch-katholischen Umwelt waren wir evangelisch. Die Kluft zwischen Katholiken und Protestanten war tief, und man konnte sie noch bis weit in die 60er Jahre hinein spüren. Während der vorösterlichen Fastenzeit war es zum Beispiel so gut wie unmöglich, sich mit einem katholischen Mädchen zum Tanzen zu verabreden. Oder auch nur zu einem Treffen in der Milchbar. Meine Eltern schickten mich in einen katholischen Kindergarten, sicherlich aus dem ganz pragmatischen Grund, weil dieser sich unmittelbar in der Nähe unserer Wohnung befand. An die beiden guten Geister des Kindergartens, Schwester Cäcilie und Tante Leni, erinnere ich mich nur undeutlich, aber mit einem ausgesprochen guten Gefühl. Wie oft hatten sie mich trösten müssen, nachdem ich morgens bei ihnen „abgegeben“ worden war und wehklagend am Zaun stand, um nach meiner Mutter Ausschau zu halten. Die ersten vier Volksschuljahre absolvierte ich an der evangelischen Martin-Luther-Schule in Düren. Lehrer Schwarz war ein strenger Pädagoge, und manche Kinder hatten Angst vor ihm. Seine Diktate waren alles andere als einfach. Ich sehe noch das Schulheft mit einem Text vor mir, in dem ich Rouladen mit Rolladen verwechselt hatte. Mit seiner vorbildlichen Handschrift hatte Herr Schwarz „Guten Appetit!“ an den Rand geschrieben. Ich durchlief die übliche „Karriere“ eines evangelischen Jungen, wurde also mit 14 Jahren konfirmiert. Religiös bzw. kirchlich geprägt war meine Jugend nicht. Gleichwohl hat mich ein Pfarrer bleibend beeindruckt: Peter Beier. Rhetorisch faszinierend, politisch links, als Lyriker hochbegabt, beeindruckte die hagere, asketisch wirkende Gestalt mit dem scharfkantigen Gesicht durch gedanklich glasklare, positionell eindeutige, in die Entscheidung führende Predigten. Dieser spätere Präses der Rheinischen Landeskirche sortierte nach meiner Erinnerung in den 60er Jahren die Dürener Protestanten in Fortschrittliche (also Beier-Anhänger) und Traditionelle. Hoch geschätzt habe ich Peter Beier immer wegen seiner sozial-politischen Engagements, seinem unerschrockenen Eintreten für Gerechtigkeit, wegen seines klaren, unmissverständlichen Eintretens für die Sache Jesu. Beiers unerwartet plötzlicher Tod (November 1996) machte mich betroffen, auch wenn ich nie engere Kontakte zu ihm hatte. Dass der rheinische Präses so gar kein tiefer gehendes Verständnis für Religionen besaß, erschien mir immer als Mangel. Ich tue ihm wohl nicht Unrecht, wenn ich behaupte, dass er die Muslime nur als Arbeitsmigranten wahrnahm und den Islam als Sozialproblem, nicht aber als Religion – noch dazu eine, die mit dem Christentum eng verwandt ist.

Mein Religionsunterricht im Gymnasium hat keine entscheidenden Spuren in meiner religionswissenschaftlichen Entwicklung hinterlassen. An meinen damals schon älteren Religionslehrer erinnere ich mich vor allem deshalb, weil er uns Heranwachsenden bei dem Thema Sexualität den Rat gab, in jedem Mädchen, in jeder anderen Frau, stets die eigene Mutter zu sehen – um so jegliche Versuchung für das andere Geschlecht gleich im Keim zu ersticken. Pfarrer Eydams anspruchsvoller Oberstufenreligionsunterricht weckte meine theologischen Neigungen. Doch resultieren meine späteren religionsgeschichtlichen Interessen nicht aus dem schulischen Unterricht. Mein Oberstufen-Englischlehrer, Dr. Heinrich Becker (1907-2001), ein anerkannter Keltologe und Volkskundler, legte die Grundlagen für meine Aufgeschlossenheit gegenüber der irischen Kultur. Ich war öfter bei ihm Zuhause, und seine unglaublich voll gestopfte Bibliothek mit den überquellenden Zettelkästen und Sammlungen insbesondere der irischen Tang-Erzählungen haben mich immer wieder tief beeindruckt. Dr. Becker war auch ein sehr begabter Maler. Ein Bild, das er mir zum Abitur (1967) schenkte, zeigt zwei Aran-Inselbewohner bei ihrer Arbeit.

 

Studium evangelischer Theologie und Anglistik in Bonn

 

In den Jahren vor dem Abitur reifte mein Entschluss, Theologie und Anglistik zu studieren. Die Suche nach Antwort(en) auf die großen existentiellen Fragen sowie die Liebe zur englischen Sprache und Literatur waren ausschlaggebend dafür. Durchaus unklar war jedoch das Berufsziel. Ich schrieb mich im WS 1967/68 an der Rheinischen Friedrich Wilhelms Universität Bonn für die Fächer evangelische Theologie und Geisteswissenschaften ein. 16.10.1967 lautet der Eintrag in das Album der ev.-theol. Fakultät. Doch schon drei Wochen später wurde ich in das der Philosophischen Fakultät aufgenommen. So war ich von Anfang an in zwei Fakultäten zu Hause. Pfarrer zu werden war nur für kurze Zeit eine realistische Option. Es wird wohl der Umgang mit dem für mich bis heute schwierigen Thema Sterben und Tod gewesen sein, der mich nach meiner eigenen Einschätzung für diesen Beruf untauglich sein ließ. Erstrebenswerter erschien mir das Lehramt an Gymnasien.

An meine ersten Bonner theologischen Semester denke ich nicht unbedingt gern zurück. Ich empfand sie als geistig eng und wenig inspirierend. Die Theologie in ihrer Bonner Gestalt begegnete mir in Gestalt einer um sich selbst kreisenden, zänkischen Wissenschaft. Sie eröffnete mir keine religiöse Weite, vermittelte keine Antworten auf die mich bewegenden Fragen. Ob mein berufliches Leben anders verlaufen wäre, wenn ich nicht mit dem Studium der Alten Kirchengeschichte (vierstündig) und einer nicht eben spannend vortragenden Professorin begonnen hätte? Noch ungünstiger verlief die Begegnung mit dem Neutestamentler Prof. Philipp Vielhauer, dessen „Einleitung in das Neue Testament“ ich im Winter-Halbjahr 1968/69 belegte. Seine Vorlesung quoll von Polemik nur so über, nicht selten ganz persönlicher Polemik, insbesondere gegenüber Prof. Willi Marxsen (Münster). Dummerweise hatte ich Marxsens „Einleitung“ bereits zu Vorlesungsbeginn gekauft und mich anhand dieses Werkes auf die Prüfung (Honnefer Modell) vorbereitet. Diese war alles andere als ein Erfolg; denn in der Naivität eines Erstsemesters hatte ich nicht damit gerechnet, nach Versangaben (2,11a-3,12b u.ä.) abgefragt zu werden. In besserer Erinnerung geblieben sind Vorlesungen der Professoren Gunneweg und Bizer über „Psalmen“ und „Theologie-Geschichte des Protestantismus“. Alles in allem verstärkte sich in mir während der ersten Semester der Eindruck, dass die Beantwortung der existentiellen Fragen, die mich u.a. gerade dieses Fach hatten wählen lassen, unterzugehen drohten einerseits in philologischer Klein- und Kleinstarbeit, die ich sehr bewundere, für die ich selbst aber eher geringes Geschick habe, und anderseits im Streit der theologischen Positionen.

Mein Eindruck von der Anglistik war ein anderer. An irgendwelche persönlich motivierten Auseinandersetzungen mit anderen Vertretern dieser Zunft, an Sticheleien, gar Scheinsiege über abwesende KollegInnen erinnere ich mich in anglistischen Lehrveranstaltungen nicht. Ausgesprochen gern habe ich die Vorlesungen und Seminare von Prof. Arno Esch besucht. Von meinem zweiten Semester an hörte ich ihn regelmäßig über: Shakespeares Tragödien, Englische Literatur des 17. Jahrhunderts, Hauptvertreter der englischen Romantik, Englische Literatur des 20. Jahrhunderts, James Joyce`s Ulysses, Literatur des 17.Jahrhunderts, Herman Melville. Esch hatte ein feines Gespür für religiöse bzw. theologische Fragen. Sicher ist es kein Zufall, dass ich bei ihm eine Hauptseminararbeit über „Die Rolle der Religionen [Plural!] in den Tragödien Christopher Marlowes“ schrieb. Selten waren es in meinem Anglistikstudium die literaturwissenschaftlichen Fragen im engeren Sinne, die mich faszinierten, sondern die theologischen und religionswissenschaftlichen.

Für die Theologie „gerettet“ hat mich der Patristiker und Religionspädagoge Heinrich Karpp. Ich wurde seine studentische, später wissenschaftliche Hilfskraft in der Abteilung für „Christliche Archäologie“. Karpps theologisch auf keine bestimmte Schule festgelegtes, offenes Denken empfand ich als wohltuend gegenüber dem sonst in Bonn und in der damaligen evangelischen Theologie vorherrschenden Barthianismus. Dieser theologischen Richtung konnte man eine Sensibilität für die Welt der Religion(en) nicht gerade nachsagen. Meine (ziemlich späte) Einsicht, dass man Karl Barth selbst nicht einfach mit seinen zweit- bzw. drittklassigen Epigonen gleichsetzen darf, verdanke ich meinem Jenaer Kollegen und Freund Michael Trowitzsch. Die „Lichterlehre“, hauptsächlich aber wohl die Ethik des späten Barth muss ich mir noch erschließen. Ob dies mein Urteil über ihn ändert, dessen Epigonen so viel Unheil u.a. im Bereich der Mission angerichtet haben? So richtig deutlich geworden ist mir dieser verhängnisvolle Einfluss erst bei der Herausgabe der Rundbriefe Friedrich Heilers, die er auf seiner Weltreise 1958/59 geschrieben hatte und in denen der Autor nicht müde wird, über den negativen Einfluss des Barthianismus auf dem Missionsfeld zu klagen[1].

Prof. Karpp hatte in Marburg u.a. bei Friedrich Heiler studiert und verdankte u.a. wohl diesem Umstand seinen weiten religionsgeschichtlichen Horizont. Außerdem unterrichtete er von 1933-56 im höheren Schuldienst. Seine 2. Staatsexamensarbeit schrieb er 1933/34 über „Der religionsgeschichtliche Unterricht auf Obersekunda“, was sein Interesse an den Religionen dokumentiert. Die wissenschaftliche Sorgfalt Heinrich Karpps, die mir immer imponiert hat, mag folgende Begebenheit illustrieren: Ich erhielt einmal als Auftrag, die (deutsch übersetzten) Briefe Papst Leos I. zu lesen, um herauszufinden, ob Leo das Zitat „Christus, unser Gott“ verwendet. Ich fand es auch nach wiederholter Lektüre der Briefe nicht. Prof. Karpp gab sich nur vordergründig mit diesem Ergebnis zufrieden. Im Laufe der folgenden Jahre mussten nämlich, wie ich erfuhr, noch andere studentische Hilfskräfte bei Leo nach diesem Zitat fahnden. In seinem Aufsatz „Christus, deus noster. Zur Entwicklungsgeschichte einer christologischen Formel“[2] kann man lesen, „dass er [Leo I.], soweit man sieht [Kursivierung von mir], auf diese Prädikation verzichtete“.

Karpp war wohl der einzige Vertreter der ev.-theologischen Fakultät, der Kontakt – und sei es auch nur in Form von Geburtstagsgrüßen – zu dem Religionswissenschaftler Gustav Mensching aufrecht erhielt. Mensching hat dies mir gegenüber mehrfach positiv zu würdigen gewusst. Immer wieder wies er auf das defizitäre Interesse der evangelischen Theologen an seinem Fach hin – ganz im Unterschied zu den katholischen, die erheblich aufgeschlossener für Religionswissenschaft seien.

 

… und dann endlich Religionswissenschaft

 

Dass ich einmal Vergleichende Religionswissenschaft – damals ein Orchideenfach – studieren würde, hat zwei Ursachen. Schon in der Schule empfahl mir mein Englisch-, Geschichts- und Erdkundelehrer, Dr. Hans Schlabertz (1925-1995), ein strenger und gütiger Mensch zugleich, bei Prof. Dr. Dr. h.c. Gustav Mensching zu studieren. Ein paar Worte noch zu Dr. Schlabertz, meinem späteren Freund: Dass meine Aussprache und Intonation der englischen Sprache sich hören lassen können, verdanke ich einzig und allein ihm. Sollte jemand im Unterricht kein richtiges „th“ ausgesprochen haben, so fertigte ihn Dr. Schlabertz überaus scharf mit dem für ihn so typischen Satz ab: „Se, wie sechs, wie setzen!“ Ich bringe meine Kinder bis heute zur Verzweiflung, wenn ich auch nur geringe Nachlässigkeiten ihrer englischen Aussprache moniere. Dr. Schlabertz hatte 1955 bei dem Bonner Anglisten Prof. Schmidt-Hidding über „Die religiösen Konzeptionen in den englisch-schottischen Volksballaden“ promoviert und auch manche Lehrveranstaltungen bei Gustav Mensching belegt. Mir gegenüber hob Dr. Schlabertz immer die Weite und Tiefe der Gedanken des Professors hervor, den zu hören viele Studierende aus Indien, Japan und anderen fernöstlichen Ländern anreisten. Dass ich vom vierten Semester an Vergleichende Religionswissenschaft belegte, geht zum einen also auf die beharrlichen Empfehlungen des verehrten, viel zu früh verstorbenen Lehrers zurück, zum andern auf die erwähnten Frustrationserfahrungen im Theologiestudium.

Ich erinnere mich noch sehr genau an meine erste Vorlesung bei Prof. Mensching: „Prophetie und Mystik in der Religionsgeschichte“. Hatten es die Bonner Theologen verstanden, mir vor lauter Bäumen den Blick auf den Wald zu verstellen, so schaffte es diese Vorlesung mit einem Schlage, endlich den Wald wahrzunehmen, der aus vielen einzelnen Bäumen bestand, ähnlichen und unähnlichen, aber immerhin „Bäumen“. Jesus und Zarathustra, Mani und Muhammad: In der Kategorie des Prophetischen rückten sie zusammen, gehörten einem bestimmten Typus von Religion an – so wie auf der anderen Seite Buddha, Hindu-Heilige wie Shankara und Meister Eckhart. Auch wenn ich heute, drei Jahrzehnte später, methodologische Probleme mit der Art einer solchen Kategorienbildung habe, ohne sie allerdings völlig zu verwerfen, so hat es diese eine Vorlesung wie keine andere geschafft, religionsgeschichtliche, auch religiöse Weite und Tiefe zu vermitteln, die Welt nach anderen Maßstäben zu vermessen als eben nur vom eigenen Kirchturm aus.

Das Verhältnis von Religionswissenschaft und Theologie mag sich in Bonn wohl besonders schwierig gestaltet haben. Was in der Religionswissenschaft geschah, galt – kurz gesagt – theologisch als irrelevant. Zwischen der ev.-theologischen Fakultät und dem Seminar für Religionswissenschaft herrschte Funkstille. Theologie zu studieren, ohne elementare Kenntnisse über andere Religionen zu besitzen, war nicht nur durchaus möglich, sondern der Normalfall.

 

Von den Molukken und religiöser Weite

 

Ein Erlebnis Anfang der 1970er Jahre hat mein Verhältnis zur Theologie bis heute nicht unberührt gelassen. Es bestand in der Begegnung mit dem Theologieprofessor und damaligem rector magnificus der Bonner Universität Hans-Joachim Rothert. Ich hatte eine Hausarbeit über „Die Mystik bei Meister Eckhart“ geschrieben – ein für evangelische Theologen eher randständiges Thema. Zu jener Zeit war ich aber derart von der erwähnten Mensching-Vorlesung beeindruckt, dass ich die Mystik-Prophetie-Typologie an einer konkreten Persönlichkeit ausprobieren wollte. Die Arbeit mit den in Bleistift geschriebenen Anmerkungen Prof. Rotherts besitze ich noch. Sie verraten das völlige Unverständnis dieses Hochschullehrers für religionswissenschaftliches Denken. Zur Besprechung der Arbeit lud er mich in das Rektoramt ein. Dort erkundigte er sich danach, was ich denn so studiere und einmal werden wolle. Voller Begeisterung erwähnte ich die Vorlesung von Prof. Mensching. Bis in die Körpersprache hinein fand dies die Missbilligung des Rektors. Er gab mir dann, nachdem er die Seminararbeit mit „gut“ benotet hatte (eine für ihn, wie ich später erfuhr, eher mäßige Note) den folgenden Rat: „Studieren Sie zuerst einmal gründlich Theologie. Und wenn Sie dann pensioniert sind, können Sie sich ja dafür interessieren, was auf den Molukken passiert“. Das traf, das „sitzt“ bis heute. Ich war konsterniert angesichts der Engstirnigkeit dieser Scheuklappen-Theologie, die Anfang der 1970er Jahre die Zeichen der Zeit überhaupt nicht wahrgenommen zu haben schien. Molukken: Chiffre für jwd („janz weit draußen“), theologisch ganz und gar unerheblich. Splendid theological isolation, Schotten dicht – im sonst so internationalen Bonn.

 

Studium und Promotion bei Gustav Mensching

 

Die Entscheidung für das Studium der Religionswissenschaft war endgültig gefallen. Prof. Mensching war seit 1969 bereits emeritiert, was ich als junger Student anfangs gar nicht wusste. Sein Schüler und Nachfolger Hans-Joachim Klimkeit (1939-99) hatte anfangs alle Mühe, sich aus dem Fahrwasser seines Lehrers zu befreien. Klimkeit setzte konsequent auf Philologie, ohne jedoch – was manche heute übersehen – die religionswissenschaftlichen Grundkoordinaten seines Lehrers aufzugeben. Man kann das u.a. an seinem Vorwort zu dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Vergleichen und Verstehen in der Religionswissenschaft“ (1997) sehen. Klimkeit und Mensching gegeneinander auszuspielen ist abwegig. Ich habe Klimkeit öfter in seinem Haus in Rheinbach besucht, weil meine Kinder, insbesondere meine Tochter Sarah, im Schwimmverein dieser Stadt aktiv waren bzw. sind und ich sie nach dem Gespräch mit dem Kollegen immer gut abholen konnte. Selbstverständlich haben wir uns viel über unseren gemeinsamen Lehrer Mensching unterhalten, von dem Klimkeit stets und bis zuletzt achtungsvoll sprach, an dessen Methodologie er anknüpfte und sie erweiterte. Klimkeit hatte Menschings Hauptwerk „Die Religion“ (1959) ins Englische übersetzt und in einem indischen Verlag publiziert[3], um das Gedankengut seines Lehrers in der anglo-amerikanischen Welt zu verbreiten.

Am nachhaltigsten ist mein wissenschaftliches Leben durch die Begegnung mit Prof. Mensching bestimmt worden. Meine Dissertation über „Die Einsamkeit. Eine religionsphänomenologische Untersuchung“ (1972) beschließt die von ihm herausgegebene Wissenschaftsreihe „Untersuchungen zu allgemeinen Religionsgeschichte. Neue Folge“. Die Gefahr von Jüngerschaft, etwa nach dem Muster des Meister-Jünger-Verhältnisses, wie es Joachim Wach klassisch beschrieben hat, bestand zu keiner Zeit. Begriffe wie Guru, Roshi, Meister wollen sich deshalb bei mir schlechterdings nicht einstellen, wenn ich Menschings Persönlichkeit zu beschreiben versuche. In Habitus und Gestus war Mensching akademischer Lehrer. Dieser deutsche Ordinarius vergangener Zeiten war (scheinbar) unnahbar, auf Abstand bedacht, fern. Seine Studierenden beriet er gern, aber nur soweit wie nötig. Zeit stehlen konnte man dem Professor nicht. An den so genannten „offenen Abenden“ hingegen schien der sonst distanziert wirkende Mensching nach kurzer Zeit wie ausgewechselt. Er konnte so richtig ins Plaudern geraten, wenn er von Riga und dem Baltikum erzählte, wohin er als junger Professor an die dortige Theologische Fakultät berufen worden war.

Ganz sicher ist mein eigenes Auftreten als Universitätsprofessor von Menschings Vorbild geprägt worden – allerdings in einem völlig entgegen Sinn. Alles professorale Gehabe ist mir von Grund auf fremd, ja zuwider. Zumindest eine Gemeinsamkeit mit Prof. Mensching ist allerdings doch vorhanden. Er muss Sitzungen, Gremien und Kommissionsarbeit ebenso durchlitten haben wie ich…

 

Zwanzig Jahre Köln

 

Meine wissenschaftliche Karriere erhielt ihre folgenschwere Wende durch eine 1973 gefällte Entscheidung. Von Prof. Kurt Goldammer (Marburg) bekam ich das reizvolle Angebot zur Mitarbeit an seiner Paracelsus-Edition. Zur selben Zeit hatte ich mich um eine Stelle als wiss. Assistent bei zahlreichen deutschen wissenschaftlichen Hochschulen beworben. Das Ergebnis war niederschmetternd: Absage folgte auf Absage. Völlig unerwartet erhielt ich eines Tages einen Anruf von Prof. Dr. Dieter Zilleßen mit der Bitte, mich mit ihm am 2. Mai in Jüchen/Niederrhein zu treffen. Den Maifeiertag hatte ich mit meiner damaligen Freundin und späteren Frau Monika Funke feucht-fröhlich im Rahmen eines Ausfluges Ihres trinkfesten Orientalischen Seminars verbracht. Ich muss wohl einen ziemlichen Kater gehabt haben, als Prof. Zilleßen und ich uns trafen. Er war Professor für evangelische Theologie und ihre Didaktik an der damaligen Pädagogischen Hochschule Rheinland, Abt. Köln – und ich wurde sein wissenschaftlicher Assistent. Die folgenden zwei Jahrzehnte haben das Profil meiner wissenschaftlichen Arbeit ganz entscheidend geprägt. Als Zilleßen mich nach Köln holte, befand sich die evangelische Religionspädagogik – wieder einmal kann man schon fast sagen – in einer Umbruchphase. So wurden – endlich! –Religionen und Religionswissenschaft viel ernster genommen als vorher. Mein Spezialgebiet wurden die Weltreligionen im Unterricht bzw. die Weltreligionendidaktik. Nur eine Handvoll Kollegen in Deutschland arbeitete intensiv und kontinuierlich auf dieser Strecke. Seit den 1990er Jahren ist vom interreligiösen Lernen die Rede. Manche Vertreter dieser Richtung, die das Rad neu erfunden zu haben glauben, scheinen vergessen zu haben, dass das interreligiöse Lernen eine längere Vorgeschichte hat. Die Ergebnisse der immerhin 30jährigen weltreligionendidaktischen Diskussion[4] werden heutzutage von reflektierenden Außenseitern, die uns ihre „Einwürfe“ in eine angeblich „stagnierende Debatte“ mitteilen, durch Erkenntnisse wie die folgende einfach vom Tisch gewischt: „Aus prinzipiellen [sic!] Gründen, aber auch im Blick auf die dem Religionsunterricht verfügbaren Zeitressourcen [ein altes Totschlagargument] ist es sinnvoller, exemplarisch [eine Religion steht gleichsam für alle!] (über das lexikalische Wissen hinaus [ebenfalls ein wohl bekanntes Totschlagargument] eine [aber welche? Buddhismus, Islam?] fremde Religion und/oder Kultur kennen zu lernen“[5] Von 1973-93 habe ich versucht, Religionen und Religionswissenschaft für die evangelische Religionspädagogik attraktiv(er) zu machen. Eingetreten bin ich dabei stets für den konfessionellen Religionsunterricht – in der Hoffnung, dass dieser dem Dialog mit den Religionen genug Platz einräumt. Stattdessen ist es immer wieder zu roll backs gekommen, im Zuge derer man sich auf die „eigentlichen“ (biblischen) Inhalte des Religionsunterrichts konzentrierte. Wie oft habe ich bedauert, dass von Seiten der Systematischen Theologie keine Unterstützung erfolgte, um Wege nach vorn zu weisen[6]. Wer wie John Hick und Paul F. Knitter pluralistische Theologien entwirft, wird jedenfalls von den deutschen Zunftvertretern attackiert oder – schlimmer noch – nicht beachtet. Das in diesem Zusammenhang gern verwendete Etikett „liberal“ für alle religionsgeschichtlich Aufgeschlossenen zeigt, wie wenig sie ernst genommen werden, wie gähnend, scheinbar unüberwindbar der Abstand zwischen „richtiger“ (vermeintlich glaubensstarker) und „falscher“ (vermeintlich glaubensschwacher) Theologie ist.

Dass man durchaus sachgemäß, verantwortungsvoll und empathisch über andere Religionen unterrichten kann, zeigen die neuesten Ethik-Schulbücher. Inzwischen bin ich mir nicht mehr sicher, ob der konfessionelle Religionsunterricht wirklich das einzige und am besten geeignete Fach für die Vermittlung anderer Religionen ist.

Sehr oft sind meine Frau und ich zu Lehrerfortbildungen eingeladen worden und durch die deutschen Lande „getingelt“. An einige Veranstaltungen, geleitet von dem damaligen Dozenten am PTI in Bad Godesberg und heutigen Oberkirchenrat im Landeskirchenamt in Düsseldorf, Harald Bewersdorff, denken wir ausgesprochen gern zurück. Wir hatten zum Teil so etwas wie einen Fanclub unter vielen Lehrerinnen und Lehrern. In all den Jahren gab es auf das Ganze gesehen nur wenige Mitstreiter: Dr. Herbert Schultze, dem die Universität Duisburg-Essen am 23. Juli 2003 verdientermaßen die Würde des Honorarprofessors verliehen hat, war der Nestor. Von seinem mit Werner Trutwin herausgegebenen Werk „Weltreligionen – Weltprobleme“ (1973) sind schon 20 Jahre vor dem interreligiösen Lernen wichtige Impulse ausgegangen. Herbert Schultze ist ein Mann der ersten Stunde. Er hat bereits international, europäisch, interreligiös gehandelt, als andere daran noch nicht einmal dachten. Eine zukünftige Geschichte des interreligiösen Lernens wird ohne ein Schultze-Kapitel nicht geschrieben werden können. Zu den weiteren Partnern, die – auf unterschiedlichen Wegen – am gemeinsamen Ziel arbeiteten, gehören: Johannes Lähnemann, Reinhard Kirste und Manfred Kwiran. Mein 1982 erschienenes Buch „Methodische Zugänge zu den Weltreligionen“ war das erste seiner Art im deutschsprachigen Raum. In der Religionspädagogik fand es die von mir erhoffte Resonanz vermutlich deshalb nicht, weil es für die Zielgruppe der evangelischen Religionslehrenden zu anspruchsvoll war und schlicht zu früh kam – wie im übrigen auch später die von Michael Klöcker und mir herausgegebene fünfbändige „Ethik der Religionen“ (1984-86), deren japanische Übersetzung im Hochschulunterricht dieses Landes benutzt wird.

20 Jahre Köln als wissenschaftlicher Assistent, Dozent und schließlich apl. Professor: Diese Phase meines Lebens, Lehrens und Lernens von Religionswissenschaft im Kontext von Theologie und Erziehungswissenschaft ist aus meiner wissenschaftlichen Biographie nicht wegzudenken. Sie ist so bedeutsam, dass sich ohne sie das Konzept einer Praktischen Religionswissenschaft nicht entwickelt hätte, um die es mir schon seit Mitte der 70er Jahre geht, auch wenn ich den Begriff in der Vergangenheit noch nicht verwendet habe.

Köln: Das bedeutet für mich auch Ökumene. Nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch: Am „Seminar für Theologie“ studierten nämlich evangelische und katholische Studierende neben- und miteinander „auf LehrerIn“. In meinen Vorlesungen und Seminaren konnte ich nicht unterscheiden, zu welcher Konfession die Studierenden gehörten. Das ökumenische Lernen in Köln war über Jahre mustergültig. Bis ausgerechnet ein Ökumeniker, Professor B. aus B., kam und erfolgreich die konfessionell saubere Trennung der Seminare betrieb. Seitdem herrscht in Köln also wieder Ordnung – praktische Ökumene wäre aber nicht nur mir lieber gewesen. An die jahrelange gute Zusammenarbeit mit den Professoren-Kollegen Manfred Wichelhaus, Alex Stock und Dieter Zilleßen denke ich ebenso gern zurück wie an die beiden „guten Geister“ des Seminars, die Sekretärinnen Anneliese Geier und Marianne Zug.    

 

Freundschaft mit Michael Klöcker

 

Unsere berufliche Existenzform als „Dozenten alter Ordnung“ (der damalige Kölner Dekan Prof. Drüe bezeichnete mich einmal in einer Fakultätssitzung hochschulrechtlich als eine „Leiche“) brachte Michael Klöcker und mich zusammen. Gemeinsam mit anderen riefen wir sogar eine Landesdozentengruppe ins Leben. Michael und ich haben über 10 Jahre zusammen gemeinsame Seminare und Tagungen veranstaltet, das „Interdisziplinäre Institut für Religionsgeschichte“ (IIRG), die Schriftenreihe „Kölner Veröffentlichungen zur Religionsgeschichte“ gegründet, in der diese Festschrift als Bd. XXX erscheint, immer wieder lustvolle Ausflüge in die Journalistik und Publizistik unternommen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit einem modernen Sozialhistoriker hat das Design meiner Religionswissenschaft entscheidend mit geprägt, die Religionen gleichsam vom Himmel auf die Erde geholt. Zusammen haben wir Themen erobert, die für viele damals ungewöhnlich waren: „Essen und Trinken in den Religionen“ (es ging dabei nicht um rituelle Mahlzeiten, nicht um das Abendmahl, sondern um ganz alltägliches Speiseverhalten), „Religionen in den 1950er Jahren“, ja „Tiere in den Religionen“. Michael Klöckers kritischer Rationalismus und meine evangelische Liberalität ergaben den Humus für eine wunderbare, äußerst produktive, vor allem aber immer phantasievolle Zusammenarbeit. Wir haben in meinen Kölner Zeiten, an die ich gern und voller nachträglicher Zufriedenheit zurückdenke, viele Buchprojekte geplant und realisiert. Immer hatten wir dabei die Praxis im Blick, nicht zuletzt in unserem seit 1997 stetig wachsenden Loseblattwerk „Handbuch der Religionen“. Es hat sich seinen Platz in der Kompendienlandschaft inzwischen erfolgreich erobert. Die Unabhängigkeit unserer wissenschaftlichen Arbeit von Institutionen, politischen wie religiösen, war und ist uns immer wichtig geblieben. Unser Ziel, Religionen, religionsgeschichtliche und religionswissenschaftliche Informationen in die Praxis hinein zu vermitteln, ist allerdings durch diese Entscheidung nicht immer erleichtert worden.

 

 

Freundschaft mit Abdoldjavad Falaturi und mein Interesse am Islam

 

Folgenreich waren meine Begegnung und Freundschaft mit dem iranischen Muslim und Kölner Islamwissenschaftler Prof. Abdoldjavad Falaturi (1926-96). Ich suchte ihn Anfang der 1980er Jahre in seiner kurz vorher gegründeten „Islamischen Wissenschaftlichen Akademie“ an der Zülpicher Straße in Köln auf. Gewinnen wollte ich ihn für ein Forschungsprojekt, das irgendwie in der Luft lag. Falaturi war von der Idee sofort angetan, und so entstanden im Laufe der nächsten 15 Jahre zwei große Forschungsprojekte: „Der Islam in den Schulbüchern der Bundesrepublik Deutschland“ und das Europaprojekt „Islam in textbooks“ zusammen mit Dr. Herbert Schultze. Meine Beziehungen zum Islam und zu Muslimen sind durch die 15jährige Freundschaft mit dem fachlich und menschlich gleichermaßen herausragenden Gelehrten, dessen Festschrift ich 1991[7] herausgegeben habe, wesentlich geprägt worden.

Durch die Kooperation mit Michael Klöcker und Abdoldjavad Falaturi, der unserer ganzen Familie herzlich verbunden war, entwickelten sich die entscheidenden Grundlagen einer praktischen Religionswissenschaft. Aristotelisch gesprochen geht es dieser Form der Religionswissenschaft um die Beschäftigung mit den „menschlichen Angelegenheiten“. Im Mittelpunkt stehen die alltags- und lebenspraktische Wertfragen, -probleme und -konflikte, das Handeln religiös unterschiedlich geprägter Menschen. Praktische Religionswissenschaft will dieses Handeln des Menschen nicht nur deskriptiv erfassen und analysieren, sondern auch beurteilen. Solange ich über die Vermittlung von Religion(en) reflektiere, beschäftigen mich religionskritische Fragen[8] – auch und obwohl es in der Religionswissenschaft als ausgemacht gilt, dass derartige Problemstellungen auszuklammern sind. In den letzten Jahren haben die Sozialwissenschaften den Faktor „Religionen“ und „Spiritualität“ neu und positiv gewichtet. Die Bedeutung der Religionen für die gesellschaftliche und politologische Analyse der Wirklichkeit ist kein verschwindendes Randphänomen mehr. Dieser ernstzunehmende Faktor zeichnet sich, wie Richard Friedli zutreffend bemerkt, in verschiedensten Bereichen der Forschung ab: Sozialpolitik, Mediation, Politologie, Konfliktforschung, Familienplanung, Bioethik, Migrationsfragen, Management, internationale Beziehungen, Religionsrecht, Organtransplantation, interkulturelle Ethik. Dadurch wachsen der Religionswissenschaft neue Anwendungsfelder zu. Sie wird in diesem aktuellen Kontext zu einer „Zubringerwissenschaft, um historische Zusammenhänge aufzuzeigen, kulturvergleichende Perspektiven herauszustellen oder soziologische Prozesse zu durchleuchten“. Die Religionswissenschaft kann bei den anstehenden gesellschaftlichen Sachfragen „ihren Beitrag zur Entschlüsselung, Entscheidungsfindung, Planung und Umsetzung (leisten). Als angewandte Wissenschaft bietet sie den Akteuren im öffentlichen und privaten Sektor sowohl unverzichtbare Basisinformationen, Zielvorstellungen und die transkulturell gültigen Wertleitplanken an. (…) Die Ausrichtung der Religionswissenschaft ist nicht normativ. Sie übernimmt nicht die Funktion einer Theologie, Religionsgemeinschaft oder Kirche“[9].

Meine Überlegungen zur Praktischen Religionswissenschaft knüpfen bei meinem Lehrer Mensching an, der zu den Wegbereitern dieses neuen religionswissenschaftlichen Paradigmas zählt. „Gustav Mensching hat seine religionswissenschaftliche Forschung nicht direkt auf praxisbezogene Umsetzungsfelder ausgerichtet. Seine Arbeiten zu Fragen der Toleranz und Intoleranz haben nicht mit einem menschenrechtlichen oder politischen Engagement `vor Ort` zu tun. Seine grundsätzlichen Darstellungen führen aber in die unmittelbar Nähe der konkreten Öffentlichkeitsarbeit“[10]. Eine Praktische Religionswissenschaft im Anschluss an Mensching kann hinter und in den vielfältigen sozialen Einzeltatsachen deren gründende und begründende „Lebensmitte“ – ein zentraler Ausdruck Menschings – wahrnehmen. Richard Friedli hat in der ersten „Gustav Mensching Vorlesung für religiöse Toleranz“ 2001 in Jena zum 100. Geburtstag Menschings dessen Konzept der „Lebensmitte“ zur „Tiefenkultur“ erweitert und seine Überlegungen am Beispiel des Rwandakonflikts demonstriert.

 

 

Publizistische Tätigkeit im Hörfunk

 

Einen wichtigen Bereich in meinem religionswissenschaftlichen Leben nimmt die publizistische Tätigkeit ein. Ich habe für Printmedien, Fernsehen und seit ca. 20 Jahren vor allem für mein Lieblingsmedium, den Hörfunk, gearbeitet. Es gibt keine ARD-Station, für die ich nicht tätig war bzw. bin. Ob es regelmäßige Interviews im früher so gelungenen WDR 2-„Sonntagsmagazin“ waren – den „Sonntag“ von heute kann man schlicht vergessen –, gebaute Kurz- und Langbeiträge: Immer ging es darum, die HörerInnen mit der Welt der Religionen vertraut zu machen. Das erfordert eine Konzentration auf das Wesentliche, eine an Fremdwörtern arme Sprache, kurze Sätze – und den Willen, komplexe Inhalte zu elementarisieren. Durch den Hörfunk habe ich von Grund auf gelernt, verständlich zu schreiben – und das ist in etwa das Gegenteil von professoral. Peter Antes, Lehrstuhlinhaber in Hannover, gehört zu den wenigen Könnern seines Faches, die diese Kunst (eigentlich eine Selbstverständlichkeit) beherrschen. Aus der langen Reihe der Hörfunkredakteure hebe ich besonders Rüdiger Achenbach vom Deutschlandfunk/Köln hervor, dessen werktägliche Sendung „Tag für Tag“ die einzige Radiosendung in Deutschland ist, die ihre Aufgabe „aus Religion (und das ist nicht einfach deckungsgleich mit Christentum und Kirche) und Politik“ zu berichten, ernst nehmen und dabei religionswissenschaftlich gehaltvolle Einblicke in die Welt der Religionen geben. Besonders stolz bin ich auch, mehrere Jahre wissenschaftlicher Berater einer aus religionswissenschaftlicher Sicht einmaligen Sendereihe im ORB (Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg) gewesen zu sein, deren Redakteurin Luise Thuß es verstand, die Religionen der Welt authentisch und einfühlsam zu Gehör zu bringen.

 

 

Lehrstuhl für Religionswissenschaft in Jena

 

Eine bislang letzte Wendung nahm mein wissenschaftliches Leben durch die Berufung auf den Lehrstuhl für Religionswissenschaft an die traditionsreiche Theologische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena (1993). Hier habe ich die „Forschungsstelle für Religionsvermittelnde Medien“ gegründet. Sie besitzt einen ansehnlichen Bestand einschlägiger Print- und AV-Medien, die von den Religionsgemeinschaften produziert werden. Meine in der Zwischenzeit nie wirklich zum Erliegen gekommene, durch die Begegnung mit Hamid Reza Yousefi wieder intensivierte Mensching-Forschung versuche ich, durch die Gründung der „Forschungsstelle Gustav Mensching mit Archiv“ und durch die jährlich einmal stattfindende Reihe „Gustav-Mensching-Vorlesung für religiöse Toleranz (seit 2001) voranzutreiben. Mir wird immer deutlicher, wie wichtig eine re-lecture der Arbeiten Menschings aus der Perspektive einer angewandten bzw. praktischen Religionswissenschaft ist. Seit dem WS 2002/3 gibt es das Magisternebenfach Religionswissenschaft in der Philosophischen Fakultät. Wie zu Beginn meines Studiums bin ich damit wieder in zwei Fakultäten „eingeschrieben“. Es ist nicht immer leicht, den aus unterschiedlichen Fakultäten und Fächern kommenden Studierenden – Atheisten, irgendwie „Gott“gläubigen und Christen – gerecht zu werden. Das Interesse an Religion(en) ist weit höher, als im Allgemeinen angenommen wird. Unter meinen Studierenden gibt es viele Suchende. In meinen Lehrveranstaltungen präsentiere und strukturiere ich Ihnen neben theoretisch-methodischen Inhalten auch die vielerlei Antworten der Religionen auf Sinnfragen. Wenn Studierende mich gelegentlich nach meiner eigenen Antwort fragen, gebe ich ihnen die als evangelischer Christ: der felsenfest davon überzeugt ist, dass Gottes Haus viele Wohnungen hat, dass man Gott nur richtig anbetet, wenn man dies im Geist und in der Wahrheit tut – übrigens Taufsprüche meiner Kinder –, der immer wieder staunt und bewundernd anerkennt, dass Gottes Geist weht, wo Er will und nicht, wo ihm die Dogmatiken aller Schriftreligionen es gestatten.

 

Dr. Udo Tworuschka (*1949), Professor für Religionswissenschaft, Theologische Fakultät, Friedrich-Schiller-Universität Jena.

 

Aus: Religion und Bildung als historische Forschungsfelder. Festschrift für Michael Klöcker zum 60. Geburtstag, hg. von Udo Tworuschka, Köln, Weimar, Wien 2003, S. 389-403

 

 


[1] Friedrich Heiler, Rundbriefe der Ostasien- und Indienreise, hg. mit einer Prosopographie von Udo Tworuschka, Frankfurt/Main 2003.

[2] In: Heinrich Karpp: Vom Umgang der Kirche mit der Heiligen Schrift (KVRG Bd. 3), 1983, S. 99.

[3]     Structures and Patterns of Religion, Delhi u.a. 1976.

[4] Udo Tworuschka: Weltreligionen im Unterricht oder Interreligiöses Lernen? Versuch einer vorläufigen Bilanzierung. In: Johannes A. van der Ven/Hans-Georg Ziebertz (Hg.): Religiöser Pluralismus und Interreligiöses Lernen, Kampen/Weinheim 1994, S. 171-196. Dieser Beitrag war übrigens „meinem Freund und wissenschaftlichen Weggefährten Michael Klöcker zum 50. Geburtstag (15.10.1993) gewidmet“.

[5] Bernhard Dressler: Interreligiöses Lernen – Alter Wein in neuen Schläuchen. Einwürfe in eine stagnierende Debatte. In: Zeitschrift für Pädagogik und Theologie 55 (2003), S. 113-124.

[6] Ein so fulminantes Werk wie Hans-Martin Barth: Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen. Ein Lehrbuch, Gütersloh 2001 hätten wir Jahre vorher dringend gebraucht.

[7]     Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident (KVRG, Bd. 21), Köln u.a.1991.

[8]     Kann man Religionen bewerten? Probleme aus der Sicht der Religionswissenschaft. In. Udo Tworuschka/Dietrich Zilleßen (Hg.), Frankfurt am Main, München 1977, S. 43-53.

[9] Richard Friedli: Toleranz und Intoleranz als Thema der Religionswissenschaft. Von der Lebensmitte der Religionen zur Tiefenkultur der Konflikte (Gustav-Mensching-Vorlesungen für religiöse Toleranz 1), Frankfurt am Main 2003, S. 11f.

[10] Ebd., S. 64.